« Grace, es tut mir so leid. Dein Vater… John ist tot », sagte Kirk und umklammerte das Telefon in seiner Hand.
Grace erstarrte in der Küchentür. Noch vor wenigen Augenblicken hatte sie an den Betten ihrer Kinder gesessen und ihnen ihre Lieblingsgeschichte vorgelesen. Jetzt fühlte es sich an, als ob ihre ganze Welt stillgestanden hätte.
Roy und Nancy schliefen bereits friedlich, eng aneinander gekuschelt in ihre Kissen. Grace schloss das Buch, küsste jeden von ihnen auf die Stirn und ließ die Tür einen Spalt offen, damit der Lichtstrahl aus dem Flur Roys Angst vor der Dunkelheit vertreiben konnte.
Sie verließ das Zimmer mit einem Lächeln, noch ganz erfüllt von der Ruhe ihres abendlichen Rituals. Erst in der Küche sah sie das Gesicht ihres Mannes.
Kirk stand am Tisch, seine Finger umklammerten sein Handy fest. Etwas in seinen Augen ängstigte sie sofort.
„Kirk, was ist passiert?“, fragte sie mit zitternder Stimme.
Er trat näher und nahm ihre Hand. Grace spürte, wie ihre Beine weich wurden, als er ihr die Nachricht überbrachte.
Tränen traten ihr in die Augen. Sie sank in die Arme ihres Mannes, ihr Körper zitterte vor Schluchzen.
„Ich konnte mich nicht einmal verabschieden“, flüsterte sie und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust.
Kirk drückte sie fester an sich, doch Worte konnten den Schmerz nicht lindern. Grace hoffte immer noch, Zeit zu finden, ihren Vater zu besuchen, ihm auf dem Bauernhof zu helfen und all die Gespräche zu führen, die sie immer wieder aufgeschoben hatten.
Diese Zeit war nun vorbei.
Am nächsten Tag fuhren Grace und Kirk zu Johns Farm. Die vertraute Landschaft zog draußen am Fenster vorbei, aber sie nahm sie kaum wahr.
In den letzten Jahren hatte sie ihren Vater zu selten besucht. Das Stadtleben, die Erziehung ihrer beiden kleinen Kinder und die täglichen Pflichten ließen ihr immer wieder keine Zeit dafür.
Mit jedem zurückgelegten Kilometer wuchs der Schmerz.
Kirk streckte die Hand aus und drückte sie.
„Du hast dich immer um deinen Vater gekümmert“, sagte er sanft. „Du bist gekommen, wann immer du konntest. Zwei Kinder großzuziehen ist eine große Verantwortung. Dein Vater hat das verstanden.“
Grace nickte, doch seine Worte konnten ihr schlechtes Gewissen nicht vollständig beruhigen.
Als das alte Haus am Horizont auftauchte, verkrampfte sich ihr Magen. Das Holzgebäude und die weiten Felder sahen fast genauso aus wie in ihrer Kindheit.
Und doch war alles anders.
Ohne seinen Vater fühlte sich der Bauernhof an wie eine leere Hülle, aus der plötzlich das Herz herausgerissen worden war.
Mitchell, Graces älterer Bruder, stand vor dem Haus. Er lehnte an seinem teuren Auto und sprach in ein Headset, als ob er ein wichtiges Geschäftstreffen leitete.
Er trug einen eleganten Anzug, der in der ländlichen Gegend völlig deplatziert wirkte. Selbst am Tag der Testamentseröffnung schien er mehr an seinen Papieren und seinem Telefon interessiert zu sein als an seiner Familie.
Grace ging auf ihn zu. Mitchell unterbrach sein Gespräch nur einen Augenblick lang und begrüßte sie mit einer steifen Umarmung.
„Grace, ich bin froh, dass du es geschafft hast“, sagte er ruhig, als würde er die Bedingungen eines Vertrags aushandeln.
Sie suchte in seinem Gesicht nach einem Anzeichen von Traurigkeit, aber Mitchell war stets kalt und distanziert.
„Hast du mit Tom gesprochen?“, fragte er und warf einen Blick auf seine Uhr.
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