„Morgen fahre ich zu Tadek in die Nähe von Łódź. Ich werde ihm in der Garage helfen und bin Sonntagabend wieder zurück“, sagte Bogdan.
Jolanta nickte nur. Am nächsten Tag nahm sie sein Handy vom Tisch und sah auf dem Bildschirm eine Route, die in eine völlig andere Richtung führte. Nach Kołobrzeg.
Ihr eigenes Handy lag tot auf der Küchentheke. Sie steckte das Ladekabel ein, aber nichts passierte. Das Kabel war wieder an derselben Stelle gebrochen, direkt neben dem Stecker.
Bogdan saß im Badezimmer, und Jolanta wollte nur kurz nachsehen, wann der Kurier am nächsten Morgen mit einem Paket für ihre Tochter kommen würde. Also griff sie nach dem Handy ihres Mannes, das auf dem Flurtisch lag.
Der Bildschirm leuchtete sofort auf. Er war nicht gesperrt.
Die Karte blieb auf dem Display geöffnet. Die Route begann in Częstochowa, führte aber nicht nach Piotrków oder Łódź, wo Tadeks Schwager wohnte.
Die blaue Linie verlief durch Kalisz, Poznań und weiter nach Norden. Sie endete in Kołobrzeg.
Jolanta stand da, das Telefon in der Hand, und für ein paar Sekunden verstand sie einfach nicht, was sie da sah.
Seit einer Woche hatte Bogdan immer wieder angekündigt, am Samstag zu Tadek zu fahren, um ihm in der Garage zu helfen. Er wollte eine Bohrmaschine und einen Satz Steckschlüssel abholen, die sein Schwager benötigt hatte. Er sollte Sonntagabend zurück sein.
Die Fahrt nach Łódź dauerte etwa zwei Stunden. Die Fahrt nach Kołobrzeg dauerte sechs Stunden. Und das in umgekehrter Richtung.
Aus dem Badezimmer drang das Geräusch von fließendem Wasser. Jolanta legte das Telefon schnell wieder an seinen Platz zurück.
Dann trat sie ans Fenster und blickte hinaus in den Hof. Auf den Spielplatz, der seit Jahren fast ungenutzt war, weil die Kinder in ihrem Gebäude den Schaukeln längst entwachsen waren.
Sie fühlte sich, als hätte jemand die gesamte Einrichtung ihres Kopfes um zwei Zentimeter nach links verschoben. Alles schien noch an seinem Platz zu sein, doch sie konnte sich nicht frei bewegen.
Jolanta war achtundfünfzig Jahre alt und seit dreißig Jahren mit Bogdan zusammen. Dreißig Jahre sind lang genug, um aufzuhören, Fragen zu stellen, deren Antworten man gar nicht wissen will.
Sie arbeitete an einer Grundschule in Raków. Dort unterrichtete sie Mathematik in der dritten und vierten Klasse. Ihre Schüler glaubten noch immer, dass zwei plus zwei immer vier ergibt.
Auch Jolanta glaubte das einst.
Bogdan kam aus dem Badezimmer und ging an ihr im Flur vorbei. Er roch wie immer nach demselben Duschgel. Kiefer, von Rossmann, in einer grünen Flasche für ein paar Zloty.
„Der Kurier soll zwischen zehn und zwölf Uhr eintreffen“, sagte er, als ob er ihre Gedanken lesen könnte. „Ich habe auf meinem Handy nachgesehen.“
„Danke“, antwortete sie.
Und das war’s. Ein ganz normaler Abend.
Sie wärmten die Brühe vom Vortag auf. Im Fernsehen liefen die Nachrichten. Bogdan setzte sich mit seinem Laptop in sein Zimmer, und Jolanta legte die Hefte der Schüler auf ihren Schoß.
Aber sie korrigierte keine Aufsätze. Sie blickte durch die offene Tür zu ihrem Mann und dachte an Kołobrzeg.
Sie schlief in dieser Nacht nicht. Sie lag auf dem Rücken und lauschte Bogdans Atem. Gleichmäßig und ruhig, wie der eines Mannes ohne Gewissensbisse.
Oder wie jemand, der gelernt hat, damit zu schlafen.
Um drei Uhr stand sie auf, um sich etwas zu trinken zu holen. Bogdans Handy lag auf dem Flurtisch und war am Ladegerät angeschlossen.
Sie kannte den Zahlencode. Ihre alte Wohnungsnummer: 37. Bogdan hatte sie nie geändert.
Sie öffnete ihren Suchverlauf.
„Albatros Gästehaus Kołobrzeg“.
„Doppelzimmer mit Meerblick.“
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