Mittags stand Rodrigo bereits vor Lucias Büro und bat die Sekretärin inständig um einen kurzen Moment mit ihr. Als man ihn endlich einließ, sah er seine Ex-Frau Dokumente unterschreiben. Sie wirkte strahlender und gelassener denn je.
„Lucia, bitte!“, rief Rodrigo und sank beinahe auf die Knie. „Das kannst du nicht tun! Die Firma ist das Erbe meines Vaters. Das Haus in Las Lomas … meine Familie wird auf der Straße landen! Es tut mir leid wegen Valeria, es war ein Fehler, ich habe sie rausgeschmissen!“
Lucia legte ihren Stift beiseite und sah ihm direkt in die Augen. Ihr Blick verriet keinen Hass, nur eisige Gleichgültigkeit.
„Das Haus in Las Lomas gehörte dir nie, Rodrigo. Ich habe es vor Jahren über meine Holdinggesellschaft gekauft, damit deine Gläubiger es nicht pfänden. Du hast 48 Stunden Zeit, deine Sachen zu packen und zu gehen. Was deine Firma angeht … sie ist bereits bankrott. Meine Anwälte übernehmen die Schulden. Ab heute gehört mir Rivas Constructora.“
Rodrigo wurde schwindlig. „Du … du hast uns zerstört …“
„Nein, Rodrigo“, sagte Lucia und richtete sich langsam auf. „Du hast dich selbst zerstört, sobald du mein Schweigen und meine Freundlichkeit als Schwäche gedeutet hast. Letzte Nacht hast du mich gebeten, deiner Geliebten vor deiner ganzen Familie Wein einzuschenken. Heute überlasse ich dich dem bitteren Kelch der Realität, den du bis zum letzten Tropfen trinken sollst. Allein.“
Lucia gab dem Wachmann ein Zeichen, und Rodrigo wurde unter den verächtlichen Blicken der Angestellten, die ihn seit gestern umworben hatten, aus dem Gebäude geführt.
Als er mittellos, ohne Gesellschaft und ohne Würde auf dem Bürgersteig stand, begriff Rodrigo Rivas endlich die Wahrheit. Lucia war nicht nur seine Frau. Sie war die Luft zum Atmen für seine Familie. Und nun, da sie beschlossen hatte, für sie nicht mehr zu atmen, hörten sie einfach auf zu existieren – in einer Welt des Luxus, die sie nie verdient hatten.