Erster Teil: Der Strauß, der zu spät kam
Der Schnee hatte noch vor Sonnenaufgang zu fallen begonnen.
Es war kein richtiger Schneesturm, sondern nur ein feiner weißer Staub, der sich langsam auf die Gehwege, die Autos und die steinernen Fensterbänke legte. Die Stadt wirkte an diesem Morgen ungewöhnlich still. Selbst die Motoren der vorbeifahrenden Fahrzeuge klangen gedämpft, als würde die Kälte jedes Geräusch verschlucken.
Die Menschen eilten mit gesenkten Köpfen durch die Straßen. Ihre Gesichter waren hinter Schals verborgen, ihre Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Niemand blieb stehen. Niemand achtete auf die junge Frau, die neben einer großen schwarzen Straßenlaterne vor einem alten Gebäude aus grauem Stein wartete.
Die Frau hieß Elise.
Sie trug eine dicke cremefarbene Winterjacke, eine helle Hose und warme Schuhe. Ein langer blauer Schal war mehrmals um ihren Hals gewickelt und bedeckte beinahe ihr ganzes Gesicht. Nur ihre dunklen Augen waren zu erkennen.
In ihren Armen hielt sie einen großen Strauß aus kleinen weißen Blumen.
Die Stiele waren in helles Papier gewickelt. Zwischen den feinen Blüten hatten sich bereits winzige Schneeflocken gesammelt. Elise drückte den Strauß vorsichtig an ihre Brust, als könnte sie ihn dadurch vor der Kälte schützen.
Nur wenige Meter entfernt befand sich ein kleines Café. Durch die beschlagenen Fensterscheiben sah man Menschen an runden Tischen sitzen. Kellner trugen dampfende Tassen, und über der Tür hing ein Schild, das bei jedem Öffnen leise gegen die Wand schlug.
Elise hätte hineingehen können.
Sie hätte sich an einen Tisch am Fenster setzen, einen heißen Tee bestellen und von dort aus auf die Straße schauen können. Doch sie wollte draußen warten. Sie wollte das Auto sofort erkennen, wenn es um die Ecke bog. Sie wollte nicht riskieren, dass Gabriel kam und glaubte, sie sei nicht erschienen.
Sie nahm ihr Telefon aus der Jackentasche.
10:17 Uhr.
Der Bildschirm zeigte noch immer die Nachricht, die sie an diesem Morgen erhalten hatte.
„Warte vor dem alten Postgebäude auf mich. Ich bin um zehn Uhr da. Ich muss dir etwas Wichtiges sagen.“
Die Nachricht kam von Gabriel.
Elise hatte sie so oft gelesen, dass sie jedes Wort auswendig kannte. Sie hatte über den letzten Satz nachgedacht, über die Kürze der Nachricht und sogar über den Punkt am Ende.
„Ich muss dir etwas Wichtiges sagen.“
Was konnte er meinen?
Vielleicht wollte er sich entschuldigen.
Vielleicht wollte er ihr endlich erklären, warum er in den vergangenen Wochen so distanziert gewesen war.
Oder vielleicht wollte er ihr sagen, dass alles zwischen ihnen vorbei war.
Dieser Gedanke hatte sie die ganze Nacht wach gehalten.
Elise und Gabriel kannten sich seit fast fünf Jahren. Sie hatten sich während des Studiums kennengelernt, an einem verregneten Nachmittag in der Universitätsbibliothek. Elise hatte an einem Tisch am Fenster gesessen und versucht, ein altes Buch über Architekturgeschichte zu lesen. Gabriel war mit einer Tasse Kaffee in der Hand an ihr vorbeigegangen, gestolpert und hatte einen Teil des Kaffees auf ihre Notizen verschüttet.
Er hatte sich so oft entschuldigt, dass Elise schließlich lachen musste.
Am nächsten Tag brachte er ihr neue Notizblätter und einen Strauß weißer Blumen.
„Damit du mich nicht nur als den Mann in Erinnerung behältst, der deine Arbeit ruiniert hat“, hatte er gesagt.
Seit diesem Tag waren weiße Blumen zu ihrem gemeinsamen Zeichen geworden.
Gabriel brachte sie ihr an ihrem Geburtstag, nach einer Prüfung, bei einem Streit und sogar einmal, als sie sich nur zwei Tage nicht gesehen hatten.
„Weiße Blumen bedeuten einen Neuanfang“, erklärte er immer.
Elise hatte nie überprüft, ob das wirklich stimmte. Sie wollte es einfach glauben.
Nach dem Studium waren sie zusammengezogen. Ihre Wohnung war klein, doch für Elise fühlte sie sich wie ein Zuhause an. Die Küche war kaum groß genug für zwei Personen, im Winter zog es durch die alten Fenster, und der Aufzug blieb regelmäßig zwischen den Stockwerken stehen.
Trotzdem waren sie glücklich gewesen.
Zumindest glaubte Elise das.
Gabriel arbeitete als Fotograf. Anfangs bekam er nur kleine Aufträge: Familienfeste, Firmenveranstaltungen und Hochzeiten. Später wurde er bekannter. Er reiste häufiger, kam spät nach Hause und verbrachte viele Nächte damit, Bilder zu bearbeiten.
Elise arbeitete in einem kleinen Museum. Ihr Gehalt war nicht besonders hoch, doch sie liebte ihre Arbeit. Sie organisierte Ausstellungen, schrieb Texte für Kataloge und führte Besucher durch die alten Säle.
Ihre Leben wurden immer unterschiedlicher.
Elise mochte Ruhe, geregelte Tage und vertraute Orte. Gabriel suchte ständig nach etwas Neuem. Er wollte reisen, berühmte Menschen fotografieren und eines Tages eine eigene Ausstellung in Paris eröffnen.
Früher hatte er Elise in seine Pläne einbezogen.
„Wir werden dort leben“, sagte er und zeigte auf Bilder von hellen Wohnungen mit hohen Fenstern. „Du wirst in einem Museum arbeiten, und ich werde jeden Morgen durch die Stadt laufen und fotografieren.“
Doch irgendwann hatte er aufgehört, „wir“ zu sagen.
Er sprach nur noch von seinen Projekten, seinen Reisen und seinen Möglichkeiten.
Vor drei Wochen war er plötzlich nach Berlin gefahren. Angeblich wegen eines wichtigen Auftrags. Seitdem hatte er nur selten angerufen. Seine Nachrichten waren kurz und kühl gewesen.
Dann, am Abend zuvor, hatte er sich gemeldet.
„Ich bin zurück. Wir müssen reden.“
Elise hatte sofort gespürt, dass etwas nicht stimmte.
Am Morgen war sie früh aufgestanden. Sie hatte lange vor dem Kleiderschrank gestanden und überlegt, was sie anziehen sollte. Schließlich entschied sie sich für die cremefarbene Jacke, die Gabriel ihr im vergangenen Winter geschenkt hatte.
Auf dem Weg zum Treffpunkt kam sie an einem Blumenladen vorbei.
Im Schaufenster standen rote Rosen, gelbe Tulpen und mehrere Sträuße mit kleinen weißen Blumen.
Elise blieb stehen.
Für einen Moment dachte sie daran, weiterzugehen. Doch dann erinnerte sie sich an den Tag in der Bibliothek, an den verschütteten Kaffee und an Gabriels nervöses Lächeln.
Sie kaufte den größten weißen Strauß, den der Laden hatte.
Vielleicht, dachte sie, brauchten sie einen Neuanfang.
10:23 Uhr.
Noch immer war Gabriel nicht da.
Elise rief ihn an. Das Telefon klingelte, doch niemand nahm ab.
Sie schrieb ihm:
„Ich bin hier. Wo bist du?“
Die Nachricht wurde zugestellt, aber nicht gelesen.
Der Schnee fiel inzwischen dichter. Elise spürte, wie ihre Finger trotz der Handschuhe kalt wurden. Ihre Füße schmerzten, doch sie bewegte sich nicht von der Stelle.
Um 10:40 Uhr kam eine ältere Frau aus dem Café. Sie trug einen langen schwarzen Mantel und hielt einen Regenschirm über den Kopf.
„Warten Sie auf jemanden?“, fragte sie.
Elise nickte.
„Schon lange?“
„Nicht sehr lange“, antwortete Elise, obwohl fast eine Stunde vergangen war.
Die Frau sah auf den Blumenstrauß.
„Er muss ein glücklicher Mann sein.“
Elise versuchte zu lächeln.
„Ich hoffe es.“
Die Frau ging weiter. Elise blickte ihr nach, bis sie in der nächsten Seitenstraße verschwand.
Um elf Uhr klingelte ihr Telefon.
Gabriels Name erschien auf dem Bildschirm.
Elises Herz begann heftig zu schlagen. Sie nahm sofort ab.
„Gabriel?“
Am anderen Ende herrschte einige Sekunden lang Stille.
Dann hörte sie eine fremde Frauenstimme.
„Spreche ich mit Elise?“
Elise drückte das Telefon fester an ihr Ohr.
„Ja. Wer sind Sie?“
Die Frau atmete tief ein.
„Mein Name ist Clara. Ich bin eine Kollegin von Gabriel.“
„Wo ist er?“
Wieder Stille.
„Gabriel hatte heute Morgen einen Unfall.“
Elise verstand die Worte, aber ihr Verstand weigerte sich, ihre Bedeutung zu erfassen.
„Was für einen Unfall?“
„Er war auf dem Weg zu Ihnen. Sein Taxi ist an einer Kreuzung mit einem Lieferwagen zusammengestoßen.“
Elise sah auf die vorbeifahrenden Autos. Alles bewegte sich plötzlich langsam, beinahe unwirklich.
„Ist er im Krankenhaus?“
„Ja.“